1997-06-11

Die Wiesenbauschule Siegen

1853 - 1971

Ausbildungsstätte für Praktiker - Gründungsbaustein der Universität

Informationsseite zur Jubiläumsausstellung in der UB Siegen, 26. Februar - 27. Mai 1997

Von Dr. Rudolf Heinrich


Von allen Vorläufer-Institutionen der Universität-Gesamthochschule Siegen war die Wiesenbauschule in ihren verschiedenen Ausprägungen (zuletzt als Ingenieurschule für Bauwesen) die mit Abstand traditionsreichste und bekannteste. Es lag daher nahe, ihr stellvertretend für alle übrigen zum 25jährigen Bestehen der Universität eine Ausstellung zu widmen. Daß als Veranstaltungsort gerade die Universitätsbibliothek gewählt wurde, hat zwei Gründe: zum einen finden dort seit 1979 ständig Ausstellungen statt - mit der jetzigen ist bereits die stolze Nummer 150 erreicht -, so daß genügend einschlägige Erfahrung vorhanden ist. Zum anderen hat die UB die reichhaltige Bücherei der ehemaligen Wiesenbauschule "geerbt", wodurch sie ihren Buchbestand, der im wesentlichen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts umfaßt, durch technische und naturwissenschaftliche Bücher des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bereichern konnte.

Das relativ wenige, was aus dem Bestand der Wiesenbau- bzw. Ingenieurbauschule übrig geblieben ist, befindet sich heute zum einen Teil im Archiv der Universität (hauptsächlich Akten und Abschlußarbeiten), zum anderen in den Fachbereichen 9 und 10, wo sich einzelne Mitarbeiter aus eigener Initiative bemüht haben, die oft schon zum Wegwerfen bestimmten oder dem Verfall preisgegebenen Objekte, vor allem Zeichnungen und Photos sowie einige Instrumente und Werkzeuge, der Nachwelt zu erhalten. Die Ausstellung hat gerade durch die letzteren eine wesentliche Bereicherung erfahren.

Der Ausgangspunkt für den Wiesenbau oder, wie es ursprünglich hieß, die Wiesenmelioration (=Verbesserung), war das Bestreben, die Erträge von landwirtschaftlichen Nutzflächen durch geeignete Be- und Entwässerung zu optimieren. Gerade das Siegerland mit seiner hügeligen Struktur und seinen wegen des schier unersättlichen Bedarfs der Eisenhütten an Holzkohle sehr ausgedehnten Wäldern war für qualitative Verbesserungen wie geschaffen, denn diese beiden Faktoren engten die zur Viehzucht geeigneten Flächen naturgemäß stark ein.

Für die Bergleute, die ihren Lebensunterhalt zu einem nicht unwesentlichen Teil durch Nebenerwerbslandwirtschaft bestritten, war dies ein existentielles Problem, dem sie mit zwei recht unterschiedlichen Methoden Herr zu werden versuchten: mit der sog. Haubergswirtschaft, die im Kern auf einer abwechselnden Nutzung der Waldflächen für den Bergbau und für die Landwirtschaft beruht, und andererseits mit der Wiesenmelioration, die, wie oben erwähnt, in erster Linie darauf hinausläuft, mit technischen Mitteln dafür zu sorgen, daß die Wiesen weder zu viel noch zu wenig Wasser erhalten. Ergänzt werden diese baulichen Maßnahmen durch die Auswahl geeigneter Grassorten, richtige Düngung (natürlich und/oder künstlich) und Schädlingsbekämpfung ebenso wie durch die Schaffung zweckmäßiger Bearbeitungswerkzeuge wie etwa des bekannten "Siegener Wiesenbeils". In ihrer Auswirkung nicht zu unterschätzen waren aber auch die durch administrative Maßnahmen geförderten Zusammenschlüsse von Bauern in Form von Interessengemeinschaften, die in den stark parzellierten Arealen erst ein halbwegs rationelles Wirtschaften ermöglichten.

Es lag nahe, die Meliorationstechniken, die bis dahin nur einigen Experten vorbehalten waren, einem größeren Kreis von Landwirten zugänglich zu machen. Die Vorläufereinrichtung der Wiesenbauschule wurde bereits 1843 vom Siegener Kultur- und Gewerbeverein eingerichtet, ging aber in der Revolutionszeit von 1848/49 wieder ein. Das Bedürfnis nach einer solchen Einrichtung war jedoch so groß, daß bereits1853 ein neuer und diesmal erfolgreicherer Anlauf gewagt wurde. Ein eigenes Gebäude hatte die neue Einrichtung zwar noch lange nicht (es wurde erst 1897 verfügbar), aber für die relativ kleinen Schülerzahlen bei wenigen Wochenstunden reichten die Räumlichkeiten in der evangelischen Mädchenschule und später in der städtischen Realschule aus. Von letzterer kam auch der erste Direktor Dr. Carl Schnabel, dem die Gründung der Schule im wesentlichen zu verdanken war.

Unter seinem dritten Nachfolger Prof. Dr. Louis Ernst, der zuvor viele Jahre Vorsitzender des Kultur- und Gewerbevereins und Siegener Landtagsabgeordneter gewesen war, erlebte die Schule einen ganz außerordentlichen Aufschwung. In seiner Direktionszeit von 1882 bis 1900 stieg nicht nur die Zahl der Schüler von 25 auf 200, er setzte auch einen wesentlich umfassenderen (viertägigen) Unterricht durch und schließlich den Bau des neuen Gebäudes am Häusling, dessen Eröffnung er 1897 noch leiten konnte. Von nun an war die Schule überregional ausgerichtet, beteiligte sich erfolgreich an Ausstellungen im In- und Ausland, vertrieb Modelle von Wasserbauten für diverse Fachschulen, und ihre Absolventen strömten in alle Provinzen des Reiches, vorzugsweise aber nach Osten, weil dort in großem Umfang meliorationsbedürftige Wiesen vorhanden waren. In Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Schlesien waren Siegener Wiesenbauer an führender Stelle tätig.

Das blieb auch so, als man dort eigene Wiesenbauschulen einrichtete, etwa in Königsberg, wo Dr. Robert Breitenbach, ein Siegener Absolvent, als Lehrer wirkte, ehe er 1919 die Leitung der Ausbildungsstätte in Siegen übernahm. Unter Breitenbach erlebte die Schule ihre Aufwertung zur staatlich anerkannten Kulturbauschule und ihre qualitativ und quantitativ größte Ausdehnung, aber auch einen gewissen Verlust an spezifischem Flair; der Wiesenbau alter Prägung wich mehr und mehr der modernen Wasserwirtschaft mit ihrer Betonung größerer Anlagen und Ingenieurbauten wie Brücken, Straßen, Kanälen, Abwasserreinigung. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt deshalb auf den ersten 75 Jahren, als der "Wiesenbau" noch Namensbestandteil der Schule war und auch in der Praxis eine große Rolle spielte.

Durch den 2. Weltkrieg ging ein großer Teil der geleisteten Aufbau-Arbeit verloren, mit dem Verlust der Ostgebiete waren auch die Stellen für Wiesenbauer nicht mehr verfügbar und diese mußten im Westen neu beginnen, meist in verwandten Fächern wie dem Bauingenieurwesen.

Dementsprechend änderte sich auch das Ausbildungskonzept vom Wiesen- zum Ingenieurbau. Als dann 1972 die neue Fachhochschule Siegen-Gummersbach gegründet wurde, lag es auf der Hand, die inzwischen staatlich gewordene Ingenieurschule dort zu integrieren, und nur ein Jahr später wurde sie zu einem Teil der neu gegründeten Gesamthochschule Siegen, die 1980 Universitätsrang erhielt.

Ergänzende Texte im PDF-Format:

Zeittafel
Zur Tradition des Siegerländer Wiesenbaus
Die Wiesenbauschule und ihr Ausbildungskonzept
Die Absolventenvereinigung


© Dr. Rudolf Heinrich und Hans Dettweiler, UB Siegen