1997-01-07


"Was er wünscht, das ist ihm nie geworden"

August Graf von Platen, 1796 - 1835

Informationsseite zur Ausstellung in der UB Siegen, 2. Dezember 1996 - 31. Januar 1997

Von Priv.-Doz. Dr. Gunnar Och, Erlangen



Meine sehr verehrten Damen und Herren,

es läßt sich nicht leugnen: August Graf von Platen ist für ein breiteres Publikum nur noch eine ferne Bildungsreminiszenz. Man erinnert sich allenfalls an seine Fehde mit Heinrich Heine, die von beiden Seiten mit ebenso spektakulärer wie infamer Polemik betrieben wurde, und vom umfangreichen oeuvre ist im kollektiven Gedächtnis kaum mehr haften geblieben als das Tristan-Gedicht oder die Schulbuchballade vom Grab am Busento. Ihn einen verkannten und in toto der Rettung bedürftigen Dichter zu nennen, wäre falsch, denn Teile seines Werks, darunter vor allem die mühsam gedrechselten Versdramen sind heute gewiß zurecht vergessen. Noch falscher wäre es freilich, jenem boshaften Kritiker beizufallen, der Platen als "Mumie im Grab der Germanisten" bezeichnet hat, denn eine solche Formulierung negiert das qualitative Gefälle innerhalb des Werks und damit auch den Rang von Platens lyrischen Poemen. Nach Gottfried Benns Urteil darf als großer Lyriker gelten, wer sechs oder acht wahrhaft vollendete Gedichte hinterlassen hat. Platen erreichte diese Zahl nicht nur, in jeder der von ihm erprobten Formen, in Ode, Lied, Sonett und Ghasel, hat er sie übertroffen. Wer nach noch stärkeren Beweisen für die Bedeutung des Dichters verlangt, sei auf die großen Autoren verwiesen, die ihn verehrten, auf Theodor Fontane, Stefan George oder Thomas Mann, der sich immer wieder auf Platen berief und nach dem Zeugnis der Tochter Erika über fünfzig seiner Gedichte auswendig wußte.

Unsere Ausstellung, die ja bereits in Erlangen und Ansbach zu sehen war, hat sich vor allem auf Platens Erlanger Studienjahre 1820 - 26 konzentriert. Diese Eingrenzung erfolgte nicht nur aus Lokalpatriotismus, sie kann auch sachlich vertreten werden, da diese Zeit nun in der Tat die prägendste in Platens Leben gewesen ist. Platen empfängt in Erlangen vielfältige geistige Anregungen, er wird mit seinen Universitätslehrern Schubert und Schelling, den Dichtern Jean Paul und Rückert näher bekannt. Die Freunde bestärken ihn in seinen dichterischen Ambitionen, ein kleines, aber erlesenes Publikum begrüß die ersten Gedichtbände, die in der Nachfolge des 'west-östlichen' Goethe vor allem Ghaselen enthalten. Es entstehen die bekannten Gedichte, darunter das schon erwähnte Grab am Busento oder das an Schopenhauer erinnernde 'Nichts'-Ghasel. Auch in dieser für ihn so produktiven Phase kann Platen freilich nicht sich selbst entrinnen. Er leidet an starken Anfällen von Melancholie und vor allem unter seiner homosexuellen Veranlagung, die er im Tagebuch offen eingesteht, zugleich aber zu bekämpfen versucht, da er die massiven Vorurteile der Gesellschaft verinnerlicht hat. Dieses unglückliche Bewußtsein, das mehr ist als der modische Weltschmerz der Zeit, spricht sich auch poetisch aus. Am greifbarsten ist es vermutlich in der später unterdrückten Strophe des Tristan-Gedichtes, die die Ausstellung ihr Motto verdankt:

Was er wünscht, das ist ihm nie geworden
Und die Stunden, die das Leben spinnen,
Sind nur Mörder, die gemach ihn morden,
Was er will, das wird er nie gewinnen;

Ein thematischer Schwerpunkt der Ausstellung ergab sich aus der Anbindung Platens an die Erlanger Universitätsbibliothek. Platen war Angestellter und Benutzer dieser Institution, was hier erstmals ausführlich und unter Berücksichtigung unbekannter Dokumente dargestellt wird.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Orientstudien des Dichters, die in einer Hafis-Übersetzung und eben der Ghaselen-Dichtung ihren Niederschlag fanden. Gezeigt werden in dieser Abteilung neben Büchern und Studienblättern Abschriften persischer Codices von Platens eigener Hand. Erstausgaben und Manuskripte, die Spuren intensiver Bearbeitung erkennen lassen, sollen Einblick in die Werkstatt des Dichters geben. Hinzu kommen unveröffentlichte Dokumente aus dem persönlichen Bereich - Testate, Aufzeichnungen, Briefe - mit neuen biographischen Fakten oder doch zumindest erhellenden Details. Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang Platens Militärakte, die bei Recherchen im Vorfeld der Ausstellung wiederentdeckt wurde.

Am Ende der Erlanger Zeit steht Platens erste Italienreise. Sie führt ihn nach Venedig und wird zu einem überwältigenden Kunst- und Bildungserlebnis, wie an den gleichzeitig entstandenen Venezianischen Sonetten abzulesen ist. Die Ausstellung reflektiert dieses Kapitel, indem sie die von Platen benutzten Reisebeschreibungen vorstellt und sein - bisher kaum wahrgenommenes - Interesse an der venezianischen Volksliteratur dokumentiert. Platen kehrte nochmals nach Erlangen zurück, doch sein Aufenthalt war nur von kurzer Dauer. Im September 1826 trat er seine zweite Italienreise an. Deutschland hat er noch sporadisch besucht, Erlangen nie wieder. Trotzdem hat er die Markgrafenstadt nicht ganz vergessen, in seinen Briefen wird sie noch öfters erwähnt. Eine dieser Stellen möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, da sie die räumlichen Dimensionen heraufbeschwört und mit einem wahrhaft kuriosen Vergleich überrascht: "Zwischen Erlangen und Rom", heißt es in einem Brief an Freund Puchta, "zwischen Erlangen und Rom ist wirklich ein gräßlicher Unterschied, und ich glaube, daß man die ganze Stadt bequem in den Petersplatz hineinstellen könnte, ohne daß sie die Colonnaden berühren würde."

Die letzte Abteilung der Ausstellung widmet sich der Platen-Rezeption im Umkreis der Platen-Gesellschaft. Die 1925 gegründete Gesellschaft entfaltete eine erstaunliche Aktivität, sie gab eine Schriftenreihe heraus, gründete ein heute noch zugängliches Archiv und lud namhafte Schriftsteller zu ihren Jahrstagungen ein, darunter Thomas Mann, der 1930 in Ansbach seine vielbeachtete Platen-Ansprache hielt. Die Vorgeschichte dieser Ansprache wird anhand unbekannter Briefe rekonstruiert, außerdem werden mehrere Exponate gezeigt, die Thomas Manns engen Platen-Bezug verdeutlichen können.

Um die Dominanz von bedrucktem und beschriebenem Papier und den damit verbundenen Mangel an visuellen Reizen, der für alle Literaturausstellungen ein Problem darstellt, wenigstens ein Stück weit zu kompensieren, wurde - so weit verfügbar - auf Stiche, Zeichnungen und Gemälde zurückgegriffen. Neben topographischen Ansichten und Bildnissen von Wegbegleitern und Freunden sind fünf zeitgenössische Platen-Porträts zu sehen.

Ich darf in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf den Katalog hinweisen, der reich illustriert ist und eine ausführliche Beschreibung der Objekte enthält. Im Aufsatzteil des Katalogs finden sich acht Beiträge. An erster Stelle steht ein kaum bekannter historischer Text, der eine wertvolle Quelle für Leben und Werk Platens darstellt, weil sein Autor, der Theologe Veit Engelhardt, in Erlanger Tagen ein enger Freund des Dichters gewesen ist. Die weiteren Aufsätze - Originalbeiträge von einer Historikerin und Vertretern verschiedener literaturwissenschaftlicher Disziplinen - knüpfen an das Ausstellungskonzept an. Sie wollen einzelne Aspekte vertiefen und weiterreichende Perspektiven eröffnen.

Dank an die Sparkasse Ansbach, die die Exponate in der hier präsentierten Form aufbereitet hat, an die Universitätsbibliothek Siegen, an die August von Platen Stiftung Siegen und last but not least an Herrn Prof. Popp als spiritus rector.

Meine Damen und Herren, als Thomas Mann seine Ansbacher Platen-Rede schloß, hat er das mit Versen getan, die er dem Platenschen Werk entlehnte und auf dessen Nachleben bezog. Eine Überschätzung des Dichters sprach daraus nicht, wohl aber die begründete Hoffnung auf eine stete Wirkung:

Ein jedes Band, das noch so leise
Die Geister aneinanderreiht,
Wirkt fort auf seine stille Weise
Durch unberechenbare Zeit.



© Dr. Rudolf Heinrich und Hans Dettweiler, UB Siegen