Peter Josef Kirschbaum

(1866 - 1926)

- ein früher Siegerländer Amateurfotograf

Ausstellung vom 25. September bis 18. Oktober 2006
Ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Siegen und des Bergbaumuseums
des Kreises Altenkirchen in Herdorf-Sassenroth

Konzipiert und umgesetzt von einer Arbeitsgruppe des Faches Geschichte
der Universität Siegen
unter der Leitung von
Dr. Thomas A. Bartolosch

Peter Joseph Kirschbaum (1866-1926) war ein früher, heute weitgehend unbekannter Siegerländer Amateurfotograf, der eine Fülle höchst interessanter Aufnahmen aus den Jahren 1892/93 und 1898 hinterlassen hat. Sie zeigen Ansichten von Baudenkmälern und Ortschaften, Industrieanlagen und gestellte Szenen von Menschen des westlichen Siegerlandes.

Die über 80-jährige Enkelin des Fotografen, Irmgard Trapp aus Schnaittach bei Nürnberg, hat die erhaltenen Teile des Nachlasses Kirschbaum der Arbeitsgruppe uneigennützig zur Auswertung und Präsentation zur Verfügung gestellt. Bis in die 1950er Jahre hatte sie in Betzdorf gelebt, wo sich an der Martin-Luther-Straße das 1911/12 von Peter Joseph Kirschbaum erbaute Wohnhaus der Familie bis heute erhalten hat. Der Großvater Irmgard Trapps hatte die seltenen Dokumentaraufnahmen in den 1890er Jahren als junger Mann gemacht, zu einer Zeit, als die Fotografie noch nicht weit verbreitet und nur Bessergestellten finanziell überhaupt möglich war. Dabei war Kirschbaum im weitesten Sinne ein Vorgänger des bekannteren Dokumentarfotografen Peter Weller (1868-1940), der die Menschen in Landwirtschaft und Industrie Anfang des 20. Jahrhunderts im Siegerland systematisch im Bild festhielt. Der aus Hommelsberg stammende Weller und der zwei Jahre ältere Kirschbaum aus Steinebach müssen sich gekannt haben, da sie beide bei der gleichen Firma beschäftigt waren.

Kirschbaum sind viele erste Ortsansichten von Dörfern des Gebhardshainer Landes zu verdanken. Als Sohn des Betriebsleiters, Obersteiger Anton Kirschbaum, stand auch er in Diensten der Firma Krupp: als Leiter des Kruppschen Konsums in Steinebach, d.h. er war gelernter Kaufmann. Krupp hatte die Grube Bindweide 1872 nach einem gewaltigen Bergunglück von dem Kirchener Großgewerken Theodor Stein erworben und zu einer der größten Gruben des westlichen Siegerlandes ausgebaut. Kirschbaum beobachtete die Veränderungen des ländlichen Bereichs im Zuge des Industrialisierungsprozesses mit scharfem Auge und hielt u.a. die Übertageanlagen der Gruben Bindweide, Krämer und Hochacht im Bild fest.

Kirschbaum fotografierte darüber hinaus Baudenkmäler, wie etwa Schloss Schönstein, die Freusburg oder Schloss Friedewald. Mit einer Serie von Aufnahmen von Kloster Marienstatt nahm er sogar erfolgreich an der Internationalen Ausstellung von Amateur-Photographien teil, die 1893 in der Hamburger Kunsthalle stattfand. Kirschbaum erhielt ein "Ehrendiplom", später übrigens weitere Auszeichnungen, so 1895 in Amsterdam eine "Medaille", 1896 im ebenfalls niederländischen Haarlem ein weiteres "Diplom". Auf Initiative Alfred Lichtwarks, seit 1886 Direktor der Hamburger Kunsthalle, hatte 1893 die Ausstellung in Hamburg stattgefunden, der weitere folgten. Es war weltweit eine der ersten Fotoausstellungen in einem Kunstmuseum. Die Öffnung eines solchen Hauses für die Präsentation von Fotografien war für die damalige Zeit etwas Unerhörtes, zumal es sich um Amateuraufnahmen handelte. Mit der Hamburger Ausstellung sollte gezeigt werden, dass Bildern von Fotografen ein bedeutender Platz innerhalb des künstlerischen Bildschaffens einzuräumen sei, auch wenn sie nicht von "Profis" stammten. Kirschbaum war somit gewissermaßen Bestandteil der zeitgenössischen "Dilettantismusbewegung", die die Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Amateurphotographie unter Lichtwark erfolgreich ins Leben rief, denn auch andernorts folgten solche Ausstellungen und die Anerkennung der Leistungen der Fotografen im künstlerisch-dokumentarischen Bereich.

Technisch war es Amateuren seinerzeit noch gar nicht so lange möglich, das Atelier mit den ab den 1880er Jahren leichter gebauten Plattenkameras samt Stativ zu verlassen, um Natur und Landschaft, Gebäude und Menschen "draußen" zu fotografieren. "Touristenapparate" - wie die Zeitschrift "Gartenlaube" 1888 berichtete - waren inzwischen leichtgewichtig geworden, "Entwicklungslaboratorien" tragbar, was der Fotografie Mobilität verlieh und die Experimentierfreudigkeit junger Menschen wie Kirschbaum geradezu herausforderte. Zu den neuen Möglichkeiten trug ganz wesentlich auch bei, dass 1871 die Trockenplatte erfunden worden war und seit Ende der 1870er Jahre industriell gefertigt wurde. Gegenüber der älteren, nassen Kolodiumplatte zeichnete sie sich durch geringeres Gewicht und größere Lichtempfindlichkeit aus; zudem konnte sie lange an dunklen und trockenen Orten aufbewahrt werden. Man musste sie nicht stets neu vorbereiten. Kirschbaum profitierte von allen diesen Entwicklungen, marschierte sonn- und feiertags über Land und brachte Bilder mit, die sich sehen lassen können. Auch "Sensationelles" der Zeit gehörte dazu, wie Aufnahmen vom Stadtbrand von Altenkirchen 1893 oder von einem großen Brand Daadens 1895 belegen.

Die von Kirschbaum "gestellten Szenen" haben letztlich einen ganz besonders großen Reiz, auch wenn sie für manchen Betrachter teilweise in den Grenzbereich von Kitsch und Kunst fallen mögen. Eine seiner solchen "gestellten" Aufnahmen bezeichnete der Fotograf "Am Grabe der Mutter" und veröffentlichte sie 1898 in der Zeitschrift "Hausschatz". Die Aufnahme entstand auf dem Gebhardshainer Friedhof und zeigt zwei Waisenkinder am Grab ihrer Mutter, und zwar zusammen mit einer "Barmherzigen Schwester". Solche Schwestern kümmerten sich in jener Zeit um halbwaise und waise Kinder - keine Seltenheit, angesichts von Grubenunglücken im Bergbau oder "heimtückischen Krankheiten", wie etwa TBC. Auch endeten Geburten mitunter tödlich, zumindest gab es viel häufiger Komplikationen als heute. Im Haushalt der Familie Anton Kirschbaum war Peter Joseph mit der vollwaisen Cousine Elisabeth und dem Vetter Mathias aufgewachsen, dessen Eltern ebenfalls bereits früh verstorben waren. Der Bildinhalt entstammte mithin dem Erlebnishorizont des Fotografen, so dass es sich um eine Dokumentaraufnahme handelt, die andererseits aber als gestellte Szene "rührend-kitschig" anmutet. Kirschbaum nutzte bereits die Möglichkeiten von Selbstauslöser und "Blitzlicht beim Magnesiumlicht", um selbst mit im Bild zu erscheinen bzw. Innenaufnahmen anfertigen zu können.


 
© UB Siegen / Öffentlichkeitsarbeit (2006-09-27 H. Dettweiler)