1996-10-28

Medaillen und Plaketten zur Kulturgeschichte Belgiens

1792 - 1942

Informationsseite zur Ausstellung in der UB Siegen, 18. Juni - 15. August 1996

Von Armin Junker


Die Leidenschaft eines Sammlers ist sicherlich nicht für jeden nachzuvollziehen. Doch wer sich mit Medaillen und Plaketten befaßt, der wird mit einer Fülle von Impressionen aus geschichtlichen Ereignissen und künstlerischen Motiven beglückt werden. Obwohl die Exponate der Ausstellung nie die Eigenschaft einer Währung besaßen, so besitzt die Sammlung doch, über das Subjektive hinaus, einen beträchtlichen historischen Wert, denn im ersten und zweiten Weltkrieg requirierte die deutsche Besatzungsmacht sämtliche Metalle - u.a. Kirchenglocken, Münzen, Medaillen, Plaketten - zur Waffenherstellung. Somit gelten die Exponate vordergründig als kulturelle Zeitzeugen Belgiens. Man bedenke außerdem das große Schaffenswerk eines Medailleurs wie Godefroid Devreese, der unter anderem die alten belgischen Münzen prägte und über 400 Medaillen und Plaketten schuf.
In einer Sammlung gilt es vor allem, die einzelnen Prägungen zu studieren, um Ursprung, Anspielungen und Bedeutung zu erkunden. Angeregt durch die Ausstellung von Prof. Dr. Wolfgang Drost an der Universitat Siegen im Jahr 1994 unter dem Motto "Die französische Kultur im Spiegel der Medaille 1870-1918" sah ich mich herausgefordert, auch die Tradition der belgischen Medaille ans Tageslicht der Öffentlichkeit zu fördern.
Das Datum 1792 mag zunächst irritieren, wissen wir doch, daß Belgien erst 1830 als neutraler Staat gegründet und 1839 von den Großmächten anerkannt wurde. Und doch gelangte das nationale Bewußtsein der belgischen Regionen schon kurz nach der französischen Revolution (1789) zu einem Höhepunkt.

Mit der vielversprechenden Utopie "Liberté, Egalité, Fraternité / Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" wurden auch die Hoffnungen derer geschürt, die fest an eine Unabhängigkeit vom erdrückenden Frankreich glaubten. Von 1792 bis 1798 versuchten die Wallonen und Flamen vergeblich, ihren Aufstand wider die Jakobiner und die französische Nationalgarde durchzusetzen, deren Brutalität der belgische Schriftsteller Henry Carton de Wiart 1942 in seinem zensierten historischen Roman "Les Cariatides" mit der Grausamkeit der Gestapo verglich. So ist es auch nicht verwunderlich, daß im ersten Weltkrieg der Rebellion von 1792 gedacht wurde. Nicht der Glaube an einen Endsieg stand hier im Vordergrund, sondern der Widerstand an sich, die Insurrection gegen eine brutale Besatzungsmacht.
Doch auch andere Themen wie das Kind, Weltausstellungen, Eisenbahneinweihungen, Musik, Literatur, Handel, Industrie, Wissenschaft, Bankwesen, soziale Einrichtungen, staatliche Hilfsfonds und Sport wurden mit unzähligen kunstvollen Motiven bedacht.


© Dr. Rudolf Heinrich und Hans Dettweiler, UB Siegen